5. September 2014

Boehmeria - zu Unrecht unbekannt

"Warum steht da eine Brennnessel im Schattenbeet?" - An diese Frage muss man sich gewöhnen, wenn man damit beginnt, Boehmerias zu kultivieren. Diese hübschen Gewächse ähneln ihren fiesen Verwandten tatsächlich, was aber ihre Kultur erleichtert: Sie besitzen keine Nesselhaare, wuchern nicht und sind langlebig und robust.

Boehmerias sind eine große Gattung, über 60 Arten gehören ihr an und dafür, dass sie kaum jemand kennt, haben sie eine bedeutungsvolle Geschichte: Eine der Arten, Boehmeria nivea, wird auch "Ramie" genannt und gehört zu den ältesten Faserpflanzen der Erde; in Ägypten fertigte man aus dieser Pflanze Mumienbinden, seit 3000 Jahren wird sie in China angebaut und ist aktuell die siebentwichtigste Faserpflanze der Welt. Ihre Fasern werden entweder sortenrein zu einem leinenartigen Stoff verwebt oder anderen Fasern zugesetzt; so erhöhen sie den Glanz von Baumwolle.

Boehmeria platanifolia einmal anders, zusammen mit Miscanthus, Molinia und Monarda - im Gräserbeet der Gärtnerei Sarastro

Für den Einsatz im Garten bieten sich - auch wenn die Ramie auch in Italien und Teilen Deutschlands als Kulturpflanze getestet wird - kleinere Arten an. Besonders gartenwürdig ist für mich Boehmeria platanifolia, da sie großes, weich behaartes Laub trägt, stabil aufrecht wächst und sehr dekorativ blüht.

Boehmerias sind Stauden für den Halbschatten und Schatten. Tatsächlich ist ihre Standortamplitude jedoch wesentlich größer und bei guter Wasserversorgung oder lehmigen Böden ist eine Verwendung in sonnigen Beeten durchaus möglich. Eine ungewöhnliche, sehr gelungene Kombination zeigt Christian Kreß in seiner Gärtnerei Sarastro: Zusammen mit hohen Gräsern, Monarden und Kandelaber-Ehrenpreis wächst dort eine Boehmeria in voller Sonne - mit kleinerem Laub zwar, aber großer Wirkung.

Auch im Topf klappt die Kultur / zusammen mit Gräsern

Es ist sogar eine Kultur im Topf möglich, ihr liebster Platz ist aber trotzdem der Gehölzrand oder lichter Schatten, wo die eigenartig gezipfelten Blätter, denen die Härchen einen silbernen Schimmer verleihen mit den weißen Blüten besonders hervortreten. Mögliche Partner sind Funkien, Farne oder Blattschmuckstauden wie Heuchera - aber auch kleine, zarte Schattenstauden sind möglich, da Bohmerias sehr langsam wachsen und keineswegs zum Wuchern neigen. Zudem erreichen sie ihren Höhepunkt, wenn vieles andere im Schatten schon eingezogen und verwelkt ist. Daher ist auch ihre Größe kein Problem.

Boehmeria tricuspis in den Schaubeeten der Gärtnerei Sarastro

Eine zweite Art, der man manchmal begegnet, ist Boehmeria tricuspis. Im Gegensatz zur vorhergehenden Art sind ihre Blätter glatt, glänzend und die Stängel stehen durch die rote Tönung in Kontrast zu den hellgrünen Blättern. Diese sind stark gesägt. Das Schönste an dieser Staude ist jedoch ihr überhängender Wuchs, der sich für Beetkanten anbietet, aber auch in Partnerschaft mit Funkien gut wirkt.

Hier sieht man gut den Unterschied zwischen B. platanifolia und B. tricuspis

Boehmerias überzeugen nicht durch Farbe oder schrilles Aussehen, sondern durch ihren Wuchs und die feine, leichte Stimmung, die sie mit ihren hellen Blüten in die Beete bringen. Sie in die Kategorie Sammlerpflanzen zu stecken, wäre schade, da sie robust und langlebig sind und von keinen mir bekannten Schädlingen, auch nicht von Schnecken, beachtet werden.

Die Blüten sind, wenn man sie aus der Nähe betrachtet, wunderschön: Winzige Blütchen reihen sich an langen Schnüren aneinander und leuchten im Licht. Bei ihren gemeinen Verwandten, den Brennnesseln, sind es mehrere Blüten, die sich um den Stängel herumschrauben - aber meistens guckt man da lieber nicht so genau hin.


Mitte April tauchen die Boehmerias auf, hier B. platanifolia

Boehmerias treiben verhältnismäßig spät aus. Die Art platanifolia erscheint in schönem Kupferton und aufgrund ihrer weichen Schicht aus feinen Härchen silber überhaucht. Sie wird bis zum Sommer bis zu 1,2m hoch und blüht schließlich von Mitte August bis Mitte September.

An den Boden stellen diese Gewächse keine großen Anforderungen, mit Walderde, wie sie auch andere Schattenstauden mögen, kommen sie gut klar. Einmal eingewachsen, ist auch Wurzeldruck von Gehölzen oder Partnerpflanzen kein Problem. Meine beiden Exemplare stehen nun schon seit 12 Jahren und werden langsam immer größer.


B. platanifolia / B. tricuspis / B. platanifolia

Die schon mehrfach erwähnten Härchen schimmern im Gegenlicht und sorgen am Gehölzrand im Streiflicht für Hingucker. B. tricuspis hingegen hat kleineres Laub, dafür in einer bizarren Form - das Blattende wirkt, als wäre jemand unterwegs gewesen um Scherenschnitte zu üben.


Im Sonnenlicht wirken die Blättern grüner, dafür leuchten die weißen Blütenschwänze mehr.

Herbstfärbung bei Boehmeria tricuspis


Ein kleines Extra gibt es noch im Herbst: Die meisten Boehmerias warten mit schöner Herbstfärbung auf, wie hier B. tricuspis und bleiben als Zugabe sehr stabil den Winter über stehen, sodass ihre hübschen Samenstände auch im Winter bei Frost und Schnee noch weiterleuchten.

Auch im Winter schön: Boehmeria tricuspis

Wer darauf achtet, wird diese besonderen Gewächse in der einen oder anderen Gärtnerei entdecken. Manchmal bekommt man auch weitere Arten angeboten - ich habe nun neu B.spicata (große, ausladene Pflanze mit rosa Blüten) und B. biloba (klein, gedrungen mit großen Blättern, erinnert fast an Lamium orvala) - aber es gibt etliche mehr, darunter auch abenteuerlich panaschierte Formen der Faser-Ramie, wie etwa die Sorten 'Nichirin' oder 'Kogane Mushi', die in Japan Sammler panaschierter Pflanzen den Puls in die Höhe treiben.

Wer mit den Chinesischen Nesseln beginnen möchte, dem sei Boehmeria platanifolia als Herz gelegt - bei ihr ist auch die Verwechslung mit Brennnesseln (und etwaige Rodung durch liebe Helfer oder einen selbst) am unwahrscheinlichsten ;-).

Kommentare:

  1. danke für deine so umfassenden Infos. Interessant dass sie nicht wuchern, aber halten sie dem Giersch statt?
    ein ähnliches Blatt hat die Himalaya Katzenminze , sie blüht auch im Halbschatten wunderschön blau wuchert aber. den lateinischen nmen weiß ich nicht, geakuft in einer Staudengärtnerei
    Grüße von Frauke

    mein Lieblinge sind da Akkelein
    mein Liebling ist

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  2. Bellissima pianta, molto interessante! Non l'avevo mai vista prima! Grazie per le informazioni :)

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  3. Das ist ja eine sehr interessante Pflanze, mal sehen ob ich sie in meiner Klostergärtnerei bekomme. Da gibt es oft außergewöhnliche Pflanzen im Angebot. Wenn in meinem Garten die brennnesselblättrige Glockenblume noch nicht blüht, kommt auch der öfter der Hinweis, da hast du eine Brennnessel!

    Liebe Grüße
    Lisa

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  4. Wow, die muss ich suchen, die passen perfekt in meinen Schattengarten!!! Danke für den Tip!
    Khendra

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  5. Danke für diesen informativen Bericht. Eine interessante Pflanzenfamilie. Die gemeine Brennessel finde ich aber gar nicht fies. Ich lasse sie in einem kleinen Bereich wachsen und ernte regelmäßig.

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  6. Sehr shoöene , libe grûsse aus Belgie

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