10. Oktober 2011

Das Recht der Stauden zu verwelken

Was zunächst wie eine sperrige, seltsame Aussage klingt, ist meiner Ansicht nach einer der wichtigsten Grundsätze im Umgang mit Pflanzen. Dadurch, dass ich versuche, standortgerecht zu pflanzen, ist es für mich wichtig, jedem Gewächs die ihm notwendigen Bedingungen zu schaffen oder es so zu verwenden, damit die bestehenden Bedingungen seinen Ansprüchen entsprechen.


Zu diesem Konzept gehört für mich auch, Stauden ihre Vegetationszeit ungestört durchlaufen zu lassen, ihr Verwelken und Vergehen zuzulassen und dieses in die Gestaltung zu integrieren. Konkret sieht es so aus, dass meine Staudenbeete möglichst bald im Frühling abgeschnitten werden, damit die zahlreichen Frühblüher nicht zertreten werden. Danach folg ein Arbeitsgang Mitte Juli und ein weiterer Ende August. Klar schneide ich auch zwischendurch die eine oder andere umgefallene und andere Stauden verdeckende Pflanze, aber es ist nicht vorgesehen, Beete noch während der Saison aufzuräumen, Stauden in voller Entwicklung abzuschneiden oder Stängel, an denen nur mehr wenige Blüten sind, zu entfernen.

Wer Pflanzen hegt, hat auch Verantwortung, und es ist, wenn schon kein Problem, dann zumindest ein Widerspruch im blumenbunten Gärtnerimage, warum es niemandem Gedanken bereitet, ob und wann man Pflanzen, die von den ersten Strahlen der Frühlingssonne an danach trachten, Samen zu produzieren und diese zu verteilen, tatsächlich zurückschneiden darf.


Vermutlich ist es für viele ein zu sehr philosophisches Problem. Ich glaube jetzt auch nicht, dass Pflanzen Schmerzen fühlen und rode ohne mit der Wimper zu zucken alle, die ich nicht an diesen Stellen haben möchte, aber ist es nicht seltsam, zwar Blüten zu wollen, aber dann kein Welken zu ertragen? Jaja, der Tod, die Erinnerung daran, der Winter, das Sterben, das Vergehen und solche Gedanken, damit gibt es Auseinandersetzungsbedarf in unser Gesellschaft. Aber geht die aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Mentalität wirklich so weit, dass leergeräumte Gärten für Menschen erträglicher sind als abgeblühte Stängel? Besser gar nichts ("sauber"), als doch etwas, nur eben nicht mehr in seiner Blütezeit?


Oder ist es doch nur das Aufräumen an sich, das Abschließen mit dem Alten und die Freude auf den Frühling? Benutzen Menschen Laubsauger, weil sie es gerne sauber haben, oder doch nur, weil sie es peinlich fänden, es läge Laub auf ihrem Rasen und andere könnten es sehen?

Ich bin dafür, den Großteil aller Stauden vom Austrieb bis zum Einziehen möglichst wenig in ihrem Wuchs zu  beeinträchtigen. Das ergibt naturgemäß Nutzungskonflikte, etwa beim zurückhaltendem und möglichst unsichtbarem Aufbinden (jaja, meist kippt einfach alles um), beim möglichst nicht praktiziertem Rückschnitt von Samenständen (Jungpflanzen kann man immer brauchen), beim herbstlichen Versenken von Blumenzwiebeln (kein Platz für Zwiebeln, Schaufeln, mich und den nötigen Radius zum Löcherausheben), im Diskurs mit Mitgärtnerinnen und Mitgärtnern ("Du hast xy geschnitten, bevor er umfärben konnte, warum?" - "Der war schon schirch.") und natürlich auch bei Gartenbesuchern ("Und warum genau schneiden Sie das nicht um?" - "Weil es schön aussieht!" - "...???" - "Finden Sie nicht? Die roten Stängel, das Braun der Blätter... nein?").


Ich frage mich immer, wo bleibt die Neugier auf Herbstfärbungen, auf leuchtende Blätter und verdorrte Stängel, an dene Raureif hängt? Klar klingt es auch eine Spur romantischer, als so ein verdorrtes, trockenes Beet dann wirklich ist. Oft schneit es gleich im Oktober noch und alles kippt um, worauf der Raureif nichts zum sich-dekorativ-Anhängen hat. Oder es gibt überhaupt keinen Raureif, dafür aber Sturm, und alles liegt am Boden oder ein paar Meter weiter im Zaun.

Es kann auch sein, dass vor März kein Einsteigen in Beete möglich ist, da man sonst versinken oder zehn Zentimeter dick Erde an den Füßen hängen haben würde, sodass man schließlich an den ersten warmen Frühlingstagen statt sich über Winterlinge und Krokus zu freuen, diesen ungeschickt - weil über Winter untrainiert - ausweichend die Beete schneidet. Da lachen dann jene, die das schon im September erledigt haben. Aber dafür haben die auch sechs Monate lang auf leere Beete gestarrt.

Kommentare:

  1. Eigentlich sprichst du mir mit deinen Ansichten zum Rückschnitt aus dem Herzen. Allerdings habe ich für mich festgestellt, dass die Rückschnittarbeit im Frühjahr so enorm ist, dass ich so manch andere Arbeit gar nicht schaffe. Da ich ja nicht am Garten wohne und somit die winterlich, morbide Schönheit nur selten sehe, räum ich im Herbst doch schon etwas auf... aber das man dabei auch ne Menge falsch machen kann, erfuhr ich letztens bei Foersterstauden so ganz nebenbei, als man mir empfahl, die Blütenstände der Sonnenbraut stehen zu lassen, um die Neuanlage fürs nächste Jahr zu sichern... man lernt nie aus...und eigentlich ist doch nichts schöner als die mit Schnee bedeckten Blütenstände von Sedum und Co. Liebe Grüße Annette

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  2. Du sprichst mir aus der Seele... früher hatte ich manchmal ein schlechtes Gewissen (wie sieht das aus, was werden die Nachbarn sagen) und dann sah ich, WIE es aussah, weil man das ja selten zu Gesicht bekommt. Ich mag die oft bizarr aussehende Schönheit und Eigenart von Fruchtständen und abgetrockneten Irgendwas, manchmal sieht es noch im Frühjahr toll aus, wie z.B. die filigranen Blattgerippe von Hostablättern im März.
    Auf jeden Fall ein interessantes Thema, dem unsereins sicher mehr Aufmerksamkeit widmen könnte!
    Schöne herbstliche Grüße
    Elisabeth

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  3. Hallo Katrin, mein Garten wird auch immer erst im Frühjahr aufgeräumt. Ich mag keine kahlen Beete und finde, dass auch morbide Pflanzen dem Garten Struktur geben.
    Einige Astern muss ich dennoch eliminieren, da sich sich sonst allzu breit machen würden, im Beet... meine Nachbarn haben sich inzwischen daran gewöhnt und versuchen nicht mehr, mich zu belehren.
    Und deine Fotos beweisen mal wieder eindrücklich wie wunderbar es aussehen kann :-)

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  4. Liebe Katrin, ich schneide im Herbst meine Stauden eigentlich nie zurück, wozu auch? Ich mag es nämlich ebenfalls nicht, auf kahle Beete zu starren, selbst wenn unsere meist unter einer dicken Schicht Laub und Bucheckern versinken.

    lg kathrin

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  5. Liebe Katrin,

    einen tollen Post hast Du da geschrieben ! Vielen Dank für Deine Gedanken zu diesem Thema.
    Ich bin auch immer wieder hin- und hergerissen.
    Grundsätzlich teile ich Deine Ansicht und lasse viel Verblühtes bis zum Frühjahr stehen. Dennoch finde ich die Selbstaussaat mancher Pflanzen sehr extrem und habe dann das Problem, was mache ich mit all den Jungpflanzen ??
    Manches nimmt dann einfach Überhand ....

    Herzliche Grüße
    Joona

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  6. @Joona, wir veranstalten in jedem Frühjahr einen Pflanzenflohmarkt, wo wir all unsere überzähligen Jungpflanzen loswerden. Was meinst du wie viele Häuslebauer es gibt, die sich über günstige Stauden freuen :-)
    Liebe Grüße, Heike

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  7. Das kann ich nur bestätigen., endlich jemand die auch nicht alles sauber und kurz hat!!!

    Alles bleibt auch bei mir bis zu ausladenen Stauden, die andere bedrängen, stehen. Denn auch die Insekten brauchen die Stengel zum Überwintern und die Vögel die Saat als Nahrung.
    Gerade die Vergänglichkeit hat da seinen Sinn und das Laub und die abgebrochenen Zweige schützen den Boden vor Errosion und sind ein guter Winterschutz.
    So habe ich auch im Gemüseland und unter den Beerenstäuchern alles stehen oder aussähen lassen und es wächst noch als Gründüngung bis zum Frost und bleibt dann bis zum Frühling liegen.
    Auch lasse ich einige Möhrewn Porrestangen blühen und freue mich an den vielen Insekten wie Schwegfliegen und Schmetterlingen.
    Jeder Nackte Boden ist ein toter Boden!!
    und wo ich mal eingreifen muß, mulche ich sofort mit Schnitt / Laub.
    Nun bin auch dazu übergegangen den Rasenschnitt liegen zu lassen und die Regenwürmer sind dankbare Nutznießer!
    Der Garten ist ein ganzes und die Permakultur ist dazu eine Möglichkeit.
    So habe aich auch kaum Schädlinge, da alles im Gleichgewicht ist, die Meisen picken die Blattläuse, Marienkäfer verzehren auch Blattläuse, die Ameisen melken die Läuse....
    Frauke

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  8. @chagall
    Eine tolle Idee !!!
    Hatte auch schon überlegt, die vielen Jungpflanzen mal irgendwie zu vermarkten.
    Aber noch mehr freue ich mich, wenn ich sie an liebe Menschen verschenken kann ...

    Herzliche Grüße Joona

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  9. Ein wunderschöner Post! Aber im Idealfall, wenn das Wetter zeitweilig in der kälteren Jahreszeit angenehmer ist, gehöre ich zu den teilweise-runter-Schneiderinnen. Je nachdem, was zu sehr platt am Boden liegt und sich nicht gut übermulchen lässt, anderes überdeckt oder einfach nur matschig aussieht. Aber meist warte ich die ersten Fröste ab. Und was dann nicht ins Bild passt, wird vor Ort kleingeschnippelt und bietet auch Winterschutz. Oder wenn es nach dem ersten Schnee taut, dann ist auch ein guter Zeitpunkt zur Wintergarten-Korrektur ...
    Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es bei unserer ersten offenen Pforte hieß: 'Ein Termin im Dezember? Was gibt es denn da noch zu sehen?'
    Liebe Grüße
    Silke

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  10. Da bin ich ganz Deiner Meinung! Ich mag diese Runterschnippelei im Herbst überhaupt nicht, am schlimmsten finde ich, wenn die Rosen fast Bodentief abgesäbelt werden, damit es auch ja ordentlich aussieht. Viele Stauden haben auch im verblühten Zustand ihren Reiz und das Verwelken gehört nun mal dazu. Manche, wie die Herbstannemonen, die wunderschöne Wattepuschel produzieren, haben sogar noch einen großen Auftritt nach dem Verblühen. Der Schnee setzt den Sonnenhüten lustige Mützchen auf und wenn es dann noch Rauhreif gibt, ist das Glück perfekt. :-)

    Liebe Grüße von Bärbel

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  11. Sehr interessanter Post,
    in einigen Fällen schneide ich Stauden runter, um eine weitere Blüte anzuregen. Zum Jahresende schneide ich weniger, da ich davon ausgehe, dass die noch vorhandene Pflanze einen Winterschutz darstellt. VG Manfred

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  12. Das halte ich auch so. Wenn es darum geht noch eine Nachblüte zu bekommen, dann schneide ich auch mal. Ansonsten schneide ich nur das Verblühte an den Rosen. Rosen fühlen sich in unserem Garten sehr wohl. Dagegen gibt es Blumen, die hier überhaupt nichts werden, wie z.B. Cosmeen. Und nicht mal Petersilie ;-) Wenn ich eigene Petersilie haben möchte, muß ich die in einem Blumenkasten aussäen.

    Liebe Grüße aus Norddeutschland! Meggie

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  13. Ich wollte noch sagen, dass ich mich sehr über eure Kommentare gefreut habe. Jeden habe ich ganz genau gelesen und es ist schön zu wissen, dass noch mehr Leute ihre Pflanzen im Winter stehen lassen :-).

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  14. Barbara (Ehlert) hat diesen post von Dir geteilt, Katrin, dadurch habe ich (so spät) entdeckt.
    Bei uns sterben gerade birken (der gerade umgehende pilz). Auch die bleiben stehen....stauden sowieso fast immer. Abgesehen vom respekt vor den lebensabläufen der anderen lebendigen, wie sollte ich je zusammenhänge verstehen lernen, wenn ich dauernd dazwischenfunke?
    Immer ist stehenlassen sowieso nicht möglich, aus verschiedensten gründen, wie dem sicherheitsaspekt.

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